Bornholm Fährverkehr ab 2018: Molslinjen übernehmen sie!

Max Mols

BornholmerFærgen hat das Nachsehen, Mols-Linien gewinnt die Ausschreibung

Molslinjen übernehmen sie!

Was wird neu ab September 2018

Wird ab September 2018 neue Aufgaben brauchen: Villum Clausen von Færgen

Am 1. September 2018 geht der Fährverkehr von und nach Bornholm in neue Hände über, Resultat einer öffentlichen Ausschreibung: Platzhirsch Færgen, mit einigen Umstrukturierungen seit 1866 wichtigste Reederei für die dänische Ostseeinsel, muss die staatliche geförderten Routen an Molslinjen abtreten, die diese dann unter dem neuen Namen Bornholmslinjen betreiben wird. Die Reederei mit Sitz in Dänemarks zweitgrößter Stadt Aarhus in Jütland betreibt erfolgreich zwei Routen mit Schnellfähren über das Kattegat zwischen Seeland und Jütland. Ausschlaggebend für die Vergabe an Molslinjen: Die Reederei verspricht Preissenkungen im Durchschnitt von über 50 %, Færgen wollte seine Preise nur um knapp 45 % senken. Seit der überraschenden Vergabe gibt es viele Diskussionen und Spekulationen über die Folgen des Wechsels, auch im FORUM von Bornholm.de. Wir wollen hier die Fakten ordnen und werden die Seite bis zum endgültigen Wechsel im September 2018 regelmäßig aktualisieren.

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 alles Wichtige zu den Aktuellen Fährverbindungen

… eine Zeitlinie >Der Weg zum Wechsel<  

die Konkurrenten im Rennen um die Konzession: Wer sind Færgen und Mols-Linien

Komplizierter Mix: Zwei Routen subventioniert, eine rein privatwirtschaftlich

M/S Hammerodde

Noch bis Sommer 2017 auf Rønne – Køge und Rønne – Sassnitz im Einsatz: M/S Hammerodde

Der Fährverkehr von und nach Bornholm ist ein komplexes Thema. Zwei staatlich pro Jahr mit 309 Mio. Kronen, ca. 41,5 Mio Euro, geförderte Routen mit bis ins Detail von der öffentlichen Hand vorgeschriebenen Fahrplänen und Kapazitäten sowie Forderungen an die Preisgestaltung treffen auf die rein privatwirtschaftlich betriebene Direktroute Deutschland – Bornholm. Die im Wesentlichen für Fracht genutzte Verbindung zwischen Rønne auf Bornholm und Køge südlich von Kopenhagen sowie die schnelle, für den Personenverkehr optimierte Verbindung zwischen Rønne und Ystad in Südschweden mit Bus- bzw. Zuganschlüssen von und nach Kopenhagen werden ähnlich gefördert, wie in Deutschland der öffentliche Nah- und Regionalverkehr. Grundlage ist der Verkehrsvertrag Bornholm zwischen dem dänischen Verkehrsministerium und der Reederei, die die Ausschreibung gewinnt. Die bekommt eine Konzession für 10 Jahre plus Option für zwei Jahre Verlängerung. Der Verkehrsvertrag betraf und betrifft aber nie die in den letzten Jahren immer von Ostern bis Oktober betriebene Route zwischen Rønne und Sassnitz-Mukran auf Rügen. Als internationale Linie, die vorrangig dem Tourismus dient, darf sie nach EU-Bestimmungen nicht subventioniert werden. De facto wäre sie aber ohne den Verkehrsvertrag für die beiden anderen Routen wirtschaftlich nicht zu betreiben: So gibt der Verkehrsvertrag für die Verbindung Rønne – Køge Eckdaten vor, die es erlauben, das dort genutzte Schiff tagsüber auf der Route Rønne – Sassnitz einzusetzen („Abfahrt in Rønne Richtung Køge darf nicht früher als 17.00 Uhr sein, Rückkehr nach Rønne nicht später als 6.00 Uhr.“).

Fähre für Rønne – Køge ist auch „Alltagsfähre“ für Rønne – Sassnitz

Der in Finnland entstehende Neubau schon im Design von Bornholmslinjen

Aktuell nutzt Færgen ihre ›Hammerodde‹ von der Rønne-Køge-Route als „Alltagsfähre“ an verkehrsarmen Werktagen zwischen Rønne und Sassnitz. Die Fracht-Passagier-Kombifähre hat viel Platz auf dem Ladedeck (Verkehrsvertrag: „Die tägliche Ladekapazität muss mindestens 1.500 hohe Deckmeter betragen“), darf aber nur 400 Passagiere mitnehmen. Ein vergleichbares Schiff hat Mols-Linien bereits bei einer Werft in Finnland neu bestellt, jedoch mit fast doppelt so großer Passagierkapazität. Bei 400 erlaubten Passagieren war nach einem Erfahrungswert mit ca. 120-130 gebuchten PKW die maximale Passagierzahl erreicht, auch wenn das Schiff mehr Fahrzeuge mitnehmen könnte. Bei zukünftig 720 Passagieren wird sich also auch die Zahl PKW-Einheiten deutlich erhöhen. Diese Kapazität reicht an Werktagen, nicht aber an Wochenenden – Ferienhauswechseltag! – und erst Recht nicht an Hochsommerwochenenden. Da kommt dann die Reservefähre ins Spiel. Die muss die Reederei  laut Verkehrsvertrag eigentlich nur für Tage vorhalten, an denen die Schnellfähren auf der Route Rønne – Ystad wetterbedingt nicht eingesetzt werden können oder eine der anderen Fähren technische Probleme hat. Bei Færgen macht die ›Povl Anker‹ diesen Job, zugelassen für bis zu 1500 Passagiere und mit Platz für etwa 260 PKW. Das Schiff ist seit 1978 ununterbrochen für die Reederei BornholmerFærgen bzw. deren Vorgängergesellschaft BornholmsTrafikken im Einsatz, trotz ihres Alter bei der Inselbevölkerung beliebt und gilt als ausgesprochen zuverlässig in fast jeder Wetterlage. An Spitzentagen befahren ›Hammerodde‹ und ›Povl Anker‹ die Deutschlandroute annähernd gleichzeitig. Auch Molslinjen muss eine Reservefähre bereitstellen.

Bleibt auch unter Mols-Linien den Bornholmern erhalten: Die zuverlässige Reservefähre M/F Povl Anker

Bleibt auch unter Mols-Linien den Bornholmern erhalten: Die zuverlässige Reservefähre M/F Povl Anker

Über die wurde im Zuge der neuen Lizenzvergabe bisher am meisten und äußerst kontrovers spekuliert. Vier baugleiche, in den 1970er Jahren in Bremerhaven für Stena Lines gebaute Fähren galten als Favoriten, die im Mittelmeer im Einsatz sind bzw. im Schwarzen Meer auf neue Aufgaben warten.  Auch wir beteiligten uns an dieser Stelle mit Spekulationen und lagen richtig: Molslinjen am 6. Juli 2016 einen Vertrag mit Færgen zur Übernahme der Povl Anker und wird das Schiff nach Vollzug des Kaufs bis Ende August 2018 an den alten Eigentümer zurück verchartern. So soll auch ein sanfterer Übergang von Færgen auf Molslinjen / Bornholmslinjen gewährleistet werden, hofft Molslinjens geschäftsführender Direktor Søren Jespersen.

Neuer Schiffstyp auf Rønne – Ystad

Die Sassnitz-Route ist für deutsche Bornholm-Urlauber erste Wahl. Ist dort alles ausgebucht, was an Spitzentagen vorkommen kann, oder wenn man bewusst Kopenhagen auf Hin- bzw. Rückreise besuchen will, dann ist die Route über Südschweden eine attraktive Alternative, die man auch gut mit bequemen Nachtfähren von Deutschland in Häfen an der schwedischen Südküste kombinieren kann (hier alle Bornholm-Reisewege im Überblick). Aktuell verkehrt zwischen Rønne und Ystad Færgens Schnellfähre Leonora Christina mit Platz für ca. 350 PKW und max. 1400 Passagiere als Hauptfähre und bekommt an beleibten Reisetagen Unterstützung von der kleineren Schnellfähre Villum Clausen, die ca. 215 PKW und max. 1015 Passagiere mitnehmen kann. Der Verkehrsvertrag schreibt auf dieser Route je nach Saison und Wochentag Mindestkapazitäten vor, so dass es an Spitzentagen tagsüber alle zwei Stunden eine Abfahrt in jede Richtung gibt. Auch die maximale Überfahrtzeit ist mit 80 Min. vorgeschrieben mit und das hält Færgen genau ein.

Wave-piercer KatExpress in voller Fahrt © Mols Linien

Wave-piercer KatExpress in voller Fahrt
© Mols Linien

Jetzt wird sehr schiffstechnisch: Beide Katamarane von Færgen besitzen sogenannte SWATH-Rümpfe (Small Waterplane Area Twin Hull), die konventionell Schiffsrümpfen ähneln. Dieser Schiffstyp „reitet“ die Wellen eher als der von Molslinjen bevorzugte Typ der Wave-Piercer, die optisch futuristischer und schnittiger wirken. Dieser Typ „durchschneidet“ die Wellen. Bei dem Versuch per Klage die Vergabe des Bornholmer Fährverkehrs an Mols-Linie noch zu stoppen, argumentierte Færgen u.a., ihr Schiffstyp sei für den Seeweg Bornholm – Ystad besser geeignet, würde weniger Wellen erzeugen (ein wichtiges Umweltargument bzgl. Küstenerosion) und könne höhere Wellen meistern, als die Wave Piercer von Molslinjen. Molslinjen wies alle diese Vorwürfe zurück: Auch ihre Schiffe kämen wie die von Færgen mit bis zu 6 Meter hohen Wellen klar. Molslinjen verfügt für den Einsatz im Kattegat aktuell über 4 Katamarane vom Wave-Piercer Typ, ein weiterer ist im Bau und soll 2018 ausgeliefert werden, für einen siebten hat die Reederei eine Option. In der Ausschreibungsbewerbung gibt Mols-Linien die Kapazität der Hauptfähre vom Typ Incat 112m mit ca. 396 PKW-Einheiten und 1177 Passagieren und sollte das Hauptdeck mit 300 Lademetern für LKW und Trailer genutzt werden, bleibe noch Platz für 301 PKW. Die etwas ältere Max Mols, die die Rolle als Ergänzungsfähre auf der Ystadt-Route von der Villum Clausen übernehmen soll, wird mit einer Kapazität für 220 PKW und 780 Passagiere angegeben. Mols-Linien hat auf jeden Fall alle in der Klage von Færgen erhobenen Vorwürfe, mit ihren Schiffen die geforderten Kapazitäten des Verkehrsvertrages nicht einhalten zu können, zurückgewiesen. Ihre Katamaranfähre Express1 wird ab Herbst 2017 generalüberholt, in der Kapazität auf 1400 Passagiere ausgebaut und kommt als praktisch neue Fähre dann in den Dienst bei Bornholmslinjen. Einen grundsätzlichen Unterschied gibt es jedoch: Die Fähren von Færgen können an Bug wie an Heck be- und entladen werden, während die Mols-Linien-Schiffe nur über das Heck be- und entladen werden.  In der Praxis bedeutet das, dass Fahrzeuge auf den Bornholmslinjen Schiffen einmal die Richtung wechseln müssen. Færgen nahm das zum Anlass, die Be- und Entladezeiten des Konkurrenten anzuzweifeln, der arbeitet auf seinen Kattegatrouten aber seit Jahre mit extrem kurzen Wendezeiten.

Leonora Christina in voller Fahrt © Færgen

SWATH-Katamaran Leonora Christina in voller Fahrt 
© Færgen

Die „Preisklausel“ – es gewinne der billigste Anbieter

Eine wesentliche Klausel der Ausschreibung des Bornholmer Verkehrsvertrages legt fest, dass der Anbieter den Zuschlag bekommt, der die größten durchschnittlichen Preissenkungen bietet. Dieses Kriterium gilt für alle vom dänischen Staat geförderte Routen. Mols Linien versprach im Bornholmverkehr 51,1 % Preissenkung, Fægen „nur“ 45 %. Der politische „Fährvergleich“ im dänischen Parlament, Basis des Verkehrsvertrags Bornholm, legte viel Wert auf die Preissenkung, weil die Politik von sinkenden Fährpreisen eine ideale Wirtschaftsförderung auf allen betroffenen Inseln erwartet, u.a. durch steigende Touristenzahlen – für Bornholm wird über die kommende Dekade ein Plus von 160 % prognostiziert, was 2000 neue Arbeitsplätze schaffen soll – und höhere Attraktivität der Inseln als Wohnort. Immerhin sinkt Bornholms Einwohnerzahl seit Jahrzehnten kontinuierlich, dem sollen die günstigen Reisekosten entgegen wirken. Die Preissenkungen, dass sollte jedem klar sein, sind keine generellen Preissenkungen nach dem Rasenmäherprinzip, sondern variierende. So werden die Preise wohl zu den weniger nachgefragten Terminen höher sinken, als in der Hauptsaison bei besonders populären Abfahrtzeiten. Und die deutschen Urlauber werden sich wohl damit abfinden müssen, dass die Sassnitz-Route nicht unter den Verkehrsvertrag fällt und demnach auch nicht unter die Preissenkungsverpflichtung.

Der Abschied von Færgen scheint unaufhaltbar

Der Abschied von Færgen ist wohl nicht mehr aufzuhalten

 

© Hans Klüche, Juni 2016 (aktualisiert 10. Juli 2017)