Bornholm in der Weltliteratur: Martin Andersen Nexø

Die Büste des Martin Andersen Nexø ist ein Werk von Kurt Harald Isenstein

Die Büste von Martin Andersen Nexø vor dem Haus seiner Kindheit in Nexø schuf der in Hannover geborene Bildhauer Kurt Harald Isenstein, der 1934 nach Dänemark emigrierte und dort bis zu seinem Tod 1980 lebte und arbeitete.

Mit der Industrialisierung zieht es im 19. Jahrhundert auch in Dänemark die Massen in die Städte. Dort entsteht eine Arbeiterbewegung, aus der eine starke Sozialdemokratie und starke Gewerkschaften hervorgehen und bald das Land prägen. In den 1920ern legen sie die Fundamente des dänischen Wohlfahrtsstaates, der weltweit zu einem Vorbild wird.

In diese Zeitläufe hinein wird 1869 im Kopenhagener Arbeiterviertel Christianshavn der kleine Martin Andersen geboren. Die Industrialisierung hat seine bitterarme Familie in die Hauptstadt gespült, sie findet aber ihr Glück nicht und zieht 1879 in die Heimat des Vaters nach Nexø auf Bornholm. Martin verlebt dort seine Kindheit und die ist kein Zuckerschlecken. Der Steppke arbeitet als Hütejunge, Stallknecht und in Steinbrüchen als Handlanger seines Vaters. Den macht der tägliche Griff zur Flasche unberechenbar.

Weltliteratur aus Kindheitserfahrungen gewachsen

Diese Erfahrungen prägen sein literarisches Werk und den Namen der Stadt seiner Kindheit hängt er später als weltberühmter, oft mit Gorki verglichener Autor seinem dänischen Allerweltsnamen an: Martin Andersen Nexø. In seinen mehrbändigen Entwicklungsromanen ›Pelle der Eroberer‹ und ›Ditte Menschenkind‹ zeichnet er anrührend ein Bild kleiner Leute und ihrer Lebensumstände. Was Friederich Engels in >Die Lage der arbeitenden Klasse in England< sozial-empirisch nüchtern erfasst, bringt Nexø mit Herz und Emotionen zu Papier.

Nexøs sensible Kinderdarstellungen sind bis heute in geschriebener Form unvergleichlich, selbst die allerersten Momente im Lebens eines Proletarierkindes, in diesem Fall seinen eigenen Lebens: „Für ein Proletarierkind ist nicht die Geburt, sondern die Empfängnis das – oft auf bitterste Art – Entscheidende. Vor der Empfängnis spukt das Kind im Kopf der Eltern in einem hoffnungslosen Kampf zwischen Trieb und Angst und halsbrecherischem Risiko. Und von dem Tag ab, wo es klar wird, dass es „schief gegangen“ ist, lebt es in ihnen als das Unvermeidliche, die Manifestation eines bösen Schicksals. Manches Proletarierkind hat seine schwerste Zeit gehabt während der schicksalsschwangeren neun Monate und ist mit einem zerfurchten Gesicht auf die Welt gekommen. Von mir berichtete Mutter, dass ich ihr arge Fußtritte versetzt hatte, bevor ich noch geboren war. Ich hoffe, ich habe es später wieder gutgemacht. In einer Art gerechter Heimzahlung hat Vater mich sehr bald, nachdem ich auf die Welt gekommen war, versohlt.“ Ein großer Andersen Nexø Bewunderer übersetzte die Lebenserinnerungen des großen Dänen ins Deutsche: Bertold Brecht.

Die Bornholmer Novellen gehören bei jedem Fan der Insel ins Regal

Obwohl Martin Andersen Nexø nur einen Teil von Kindheit und Jugend auf Bornholm verlebt, gilt er dort als Heimatdichter. Seine sieben ‚Bornholmer Novellen‘ gehören bei jedem Fan der Insel ins Bücherregal, auch wenn sie zur Zeit nur antiquarisch zu bekommen sind, und mit zwei der vier Bände von ›Pelle der Eroberer‹ und in großen Teilen seiner Erinnerungen setzte er seiner Insel ein sprachgewaltiges Denkmal.

Mit Max von Sydow in der Rolle von Pelles Vater wird ›Pelle der Eroberer‹ von Dänemarks Regiestar Bille August (u.a. Das Geisterhaus) Ende der 1980er-Jahre auf die Leinwand gebracht, größtenteils auf Bornholm gedreht. In Cannes mit einer Goldenen Palme und in Hollywood mit einem Oscar als bester nicht englischsprachiger Kinostreifen geehrt, löste der Film seinerzeit eine Nexø-Renaissance aus.

Obwohl Pelle autobiographische Züge trägt, macht Nexø ihn in seinem Roman zum Schweden und wird dann oft gefragt, warum: „Der moderne Proletarier ist doch eine internationale Erscheinung und das Menschliche wächst unter allen Breitengraden. Mir war es eine Selbstverständlichkeit, dass das Nationale über die Klinge springen musste.

Nexø und die Deutschen – ein ganz spezielles Verhältnis

Andersen Nexoe Hus in Nexoe auf Bornholm

Das kleine Häuschen, das Familie Andersen in der Ferskesøstræde am Südrand von Nexø bewohnte, ist heute ein Gedenkmuseum.

In Deutschland sind die Bücher des bekennenden Kommunisten Martin Andersen Nexø in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren Bestseller, 1933 landen sie in den Flammen nationalsozialistischer Bücherverbrennungen. 1941 wird der 72jährige auf deutschen Druck in seiner besetzten Heimat inhaftiert, kommt aber frei und kann über Schweden in die Sowjetunion fliehen. Trotz dieser schmerzlichen Episode bleibt Andersen Nexø dem Volk, in dem er seine größte Leserschaft hatte, verbunden. Nach 1945 pflegt vor allem die DDR sein Werk. Erinnerungen kommen auf deutsch 1946 und 1948 in Ostberlin heraus, weitgehend von Bertolt Brecht übersetzt. 1951 zieht Martin Andersen Nexø in die DDR und lebt bis zu seinem Tod 1954 in einer Ehrenwohnung in Dresden. Mit dem Ende des zweiten Deutschen Staates wurde auch das Gedenkmuseum, das dort an ihn erinnerte, aufgelöst, die Exponate gingen zum größten Teil an das Martin Andersen Nexø Elternhaus in Nexø.

© Text und Bilder Hans Klüche 2012, aktualisiert 2015