Leseprobe: Das Granitgrab

Das_granitgrab_bogen_uden_baggrundLeseprobe aus „Das Granitgrab” von Pernille Boelskov mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Das Buch kann in einer signierten Printausgabe bei der Autorin auf DasGranitgrab.de zum dänischen Preis von 16 € + Porto bestellt werden. In Deutschland ist die Printausgabe seit Anfang August bisher ausschließlich im Onlinehandel bei Amazon.de (Vertrieb über den allgemeinen Buchhandel ist in der Vorbereitung) für 12,99 € erhältlich. Die E-Book Ausgabe für 4,99 € ist derweil bei allen einschlägigen Anbietern wie Amazon.de (Mobi/Kindle) oder Thalia.de (EPub) zu beziehen.

Normalerweise ist die Stimmung im Pfarrbüro Rønne gedämpft. Die vier Pfarrer der St.-Nicolai-Gemeinde kümmern sich um sich selbst, obwohl der Probst ständig davon redet, die Synergieeffekte zwischen den Ämtern zu erhöhen.

Aber heute hat eine seltene Unruhe den Normalzustand abgelöst.

Agnethes Kollegen haben sich um einen der Schreibtische versammelt und in die Bornholms Tidende vertieft. Nur Frank bringt ausreichend Geistesgegenwart auf, um der neuen Pfarrerkollegin zuzunicken und mit einer Handbewegung anzudeuten, neben ihm sei noch Platz. Sie schüttelt den Kopf, und ihre Lippen formen ein lautloses Nein, danke, denn sie will Thorkild nicht unterbrechen, der sich offenbar das Recht erstritten hat, den anderen den Zeitungsartikel vorzulesen.

„Der stillgelegte Granitbruch bei Vang wurde abgesperrt, nachdem man dort in den Morgenstunden die Leiche eines jungen Mannes gefunden hat“, hört sie seine Stimme, während die Kollegen angestrengt über seine Schulter auf den Bildschirm sehen.

Sie drängt sich an den Schreibtischen vorbei bis zu ihrem eigenen. Versucht, die Worte nicht an sich heranzulassen.

„Wie die Polizei mitteilt, entdeckte ein älteres Ehepaar beim Spaziergang mit seinem Hund den bislang noch nicht identifizierten Toten“, fährt Thorkild fort.

Aber die Leiche wurde inzwischen identifiziert, und sie spürt den Drang, Thorkild zu korrigieren und zu erzählen, dass die Halskette und das Kreuz Daniil Khristov gehört haben. Dass in diesen Minuten jemand seinen Namen in einen Polizeibericht schreibt. In einen Totenschein einträgt. Eine Anfrage an die russischen Behörden schickt. Aber es fühlt sich falsch an, und erst jetzt schüttelt sie allmählich die Kälte des Leichenschauhauses von sich.

Nachdem es vorbei und Daniil identifiziert war, hatte Lars gefragt, ob sie sich einen Moment setzen wolle und er ihr eine Tasse Kaffee holen solle, bevor sie sich auf den Heimweg mache. Natürlich wollte sie das nicht. Sie braucht sein professionelles Mitleid nicht.

Der Tod ist Teil der Arbeit einer Pfarrerin, allerdings braucht es mehr als zwei Monate Erfahrung, um angemessen damit umzugehen, wenn ein Leben vor der Zeit verloren geht. Das eines Russen in ihrem Alter. Oder das eines Vaters.

Die anderen Pfarrer haben kein Problem damit, jedes Detail des spektakulären Todesfalls bei Vang zu diskutieren, das Bild von der Halskette und dem Kreuz anzuklicken, wieder und wieder, beides genau zu studieren und sich gegenseitig zu versichern, dass man der Polizei gerne behilflich ist, sollte es nötig sein. Sie müssen einen mentalen Schutzpanzer entwickelt und um ihr Herz gelegt haben.

Agnethe sinkt auf den Stuhl hinter ihrem Schreibtisch. Als Pfarrvikarin hat sie den Schreibtisch unter der Treppe im nördlichen Querschiff der Kirche bekommen, das als gemeinsames Büro für alle Pfarrer der Gemeinde Rønne dient. Er steht nur ein paar Schritte von der schweren Eichenholztür entfernt, durch die es beständig zieht, und am weitesten weg von dem geräumigen Einzelbüro, in dem der Probst residiert.

Hätte sie in sein Hotel fahren und nach Daniil fragen sollen? Hätte sie wissen müssen, dass er ihr nicht die kalte Schulter zeigte, als er nicht auf ihre Anrufe reagierte? Dass etwas nicht in Ordnung war? Würde er noch leben, wenn sie ihn als vermisst gemeldet hätte?

Die dunkelbraunen Augen.

Die Lachfältchen.

Etwas, aus dem vielleicht mehr hätte werden können, das aber nie eine Chance bekam. Und eine Ahnenforschung, die ohne Versöhnung endete.

Munk Mortensen dreht das Transistorradio auf seinem Schreibtisch lauter, das permanent auf die Frequenz von Bornholms Radio eingestellt ist, und Thorkild unterbricht seine Lesung. Mit einem Mathilde Kroager, was wissen wir? gibt der Nachrichtensprecher an den Ü-Wagen in Vang ab.

„Ich stehe hier am Rand des stillgelegten Granitbruchs, wo Kriminaltechniker und Ermittlungsbeamte immer noch dabei sind, Spuren zu sichern“, meldet sich die Reporterin. „Vor ein paar Minuten hatte ich kurz Gelegenheit, mit dem Leiter der Ermittlungen zu sprechen, Niels Peter Laursen, und er hat betont, dass von einem Unfall nicht die Rede sein kann. Die Polizei geht also von einem Verbrechen aus. Im Klartext: Es geht um Mord.“

„Teufel auch.“

Thorkild lehnt sich in seinem Stuhl zurück und legt die Beine auf die Tischkante. Munk Mortensen dreht das Radio noch etwas lauter.

Sie hatte den Gedanken bisher nicht zu Ende denken können, aber etwas sagte ihr, dass Mord die einzige Erklärung war, die einen Sinn ergab. Daniil war nicht an der Abbruchkante gestolpert und unglücklich zu Tode gestürzt. Jemand hatte ihm das Leben entrissen. Und die Sicherheit, die sein Blick ausgestrahlt hatte. Aber warum? Warum sollte ihn jemand ermorden?

„Mathilde, wissen wir schon, um wen es sich bei dem Opfer handelt?“ fragt der Nachrichtensprecher.

„Diese Frage habe ich dem leitenden Ermittlungsbeamten vorhin ebenfalls gestellt. Offenbar hat die Polizei den Mann inzwischen identifiziert, will die Öffentlichkeit zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht über die Identität des Toten informieren.“

„Und was sagt uns das?“

„Nun ja, es deutet wohl darauf hin, dass die Familie des Opfers noch nicht unterrichtet ist, was wiederum den Schluss nahelegt, dass wir es hier nicht mit einem Bornholmer zu tun haben. Aber das ist natürlich Spekulation.“

„Verdammt, es ist einer von drüben“, brummt Thorkild, während die Reporterin Atem schöpft.

Einer von drüben bedeutet einer von der anderen Seite des Wassers, also ein Nicht-Bornholmer; einer der wenigen Bornholmer Ausdrücke, die ihr Vater benutzte und an den sie sich erinnern kann.

Munk Mortensen nickt. Offensichtlich ist er mit Thorkilds Schlussfolgerung einverstanden.

„Ein Tourist“, murmelt er. „Das erklärt auch den Gemeinde-Flyer.“

Das Interesse an dem spektakulären Todesfall lässt beträchtlich nach, als die Konsequenzen der Schlussfolgerung ins Bewusstsein der Anwesenden dringen.

Hier gibt’s eine weitere Leseprobe von Pernille Boelskov: Kurzkrimi „Die Leiche in Nørrekås”