Leseprobe: Und süß wird meine Rache sein

Jette Jensen fühlte sich beobachtet. Und das nicht erst seit heute. Schon seit Langem hatte sie das Gefühl, jemand sei hinter ihr her, verfolge sie auf Schritt und Tritt und wüsste ganz genau, wann sie was im Ort Gudhjem oder in der Inselhauptstadt Rönne erledigte.

Auch deshalb fuhr sie – wenn überhaupt – nur noch höchstens einmal die Woche und nie am gleichen Tag in die Stadt, parkte beim Nachbarn, um den letzten Kilometer nach Hause zu laufen, und besuchte weder Ausstellungen oder Konzerte noch ein Café oder ein Restaurant. Obwohl sie früher ein so geselliger Mensch gewesen war, der nur selten eine Einladung ausgeschlagen hatte.

Doch seit sie hier auf diesem abgelegenen Hof wohnte, hatte sie sich völlig vom Leben und aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Niemand sollte wissen, wo sie wohnte oder was sie gerade machte. Ja, dass sie überhaupt existierte.

So hatte sie Freundschaften einschlafen lassen, weil sie sich einfach bei niemandem mehr gemeldet hatte. Aufträge waren weggebrochen, weil sie für keinen Geschäftspartner mehr zu erreichen war. Selbst mit ihrem direkten Nachbarn hatte sie kaum ein Wort gewechselt, seitdem sie hier oberhalb der Klippen lebte, nur um sicherzugehen, dass man sie nicht finden würde.

Und das alles nur wegen dieser schier immer größer werdenden Angst, die sie von Tag zu Tag mehr gefangen nahm. Eine Angst, die längst ihr Leben bestimmte und sich immer tiefer in ihre Seele fraß.

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Aber heute war aus diesem bisher immer nur äußerst vagen und meist befremdlichen Gefühl eine unumstößliche Gewissheit geworden, die sich fest in ihr Unterbewusstsein gegraben hatte.

Sie war entdeckt worden, trotz bester Tarnung und größtmöglicher Vorsichtsmaßnahmen. Und nun saß sie allein in ihrer abgedunkelten Küche, umgeben von toten, augenlosen Gegenständen. Ausgezehrt, kraftlos und fröstelnd.

… so könnte sich Jette Jensens Hof in der Bornholmer Landschaft verstecken, denkt Jörg Böhm

Auch jetzt, knapp 90 Minuten, nachdem sie den Hof erreicht und alle Türen und Fenster verbarrikadiert hatte, war sie sich immer noch einhundertprozentig sicher, dass ihr jemand am Morgen zur Post nach Gudhjem gefolgt war und dort im Auto auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf sie gewartet hatte. Sie hatte gesehen, wie sich der Wagen erst dann in Bewegung gesetzt hatte, nachdem sie ihr Auto aus der Parkbucht auf die Straße gelenkt hatte. Ihr Verfolger war ihr dann bis zur Abzweigung nachgefahren, die von der Hauptstraße zum Hof ihres Nachbarn führte. Während sie in den von hohem Gras dicht gesäumten Weg abgebogen war, hatte der andere Wagen seine Geschwindigkeit gedrosselt und war langsam an der Einfahrt vorbeigefahren. Das konnte sie im Rückspiegel beobachten. Sie wusste immer noch nicht, wie sie es danach noch geschafft hatte, ihren Wagen die knapp zwei Kilometer über den holprigen Weg zum benachbarten Anwesen zu manövrieren und ihn dort neben der Scheune abzustellen. Von Angst getrieben war sie dann mit ihren Einkäufen und der Post über den Klippenkamm nach Hause gerannt, ohne sich nur ein einziges Mal umzudrehen.

Sie war froh gewesen, dass ihr Nachbar nicht zu Hause gewesen war. Auch wenn sie nur selten ein Wort miteinander wechselten, so war er wohl der Einzige, der sie wirklich verstand. Oder der es zumindest versuchte. Ansonsten gab es sicherlich nicht wenige Menschen, die sie für verrückt hielten.

Aber niemand kannte sie und ihre Geschichte wirklich. Was sich hinter den von Wind und Wetter umwitterten Wänden ihres einst weiß getünchten kleinen Fachwerkhauses an der rauen Nordostküste Bornholms abspielte, konnte keiner erahnen. Und wer noch in den alten Bauernhof mit eingezogen war. Vielleicht hätten die Menschen sie dann anders angesehen, wenn sie es gewusst hätten.

So musste sie allein mit dem Ungeheuer fertigwerden, das sich Angst nannte und das wie ein Kind über die Jahre immer größer geworden war. Größer und hungriger. Es war so unersättlich und übermächtig geworden, dass Jette es nicht einmal mehr schaffte, der Glasbläserei nachzugehen.

Dabei liebte sie ihre Kunst, wenn sich Quarzsand, Pottasche und Kalk in ihrem kleinen Ofen zu einer weichen und kochendheißen Masse vermischten, um von ihr zu den außergewöhnlichsten Glasformen geblasen zu werden. Doch die kleine Werkstatt, in der der vorherige Besitzer seine Fische geräuchert hatte und die sie nur liebevoll ihr Paradies nannte, war schon lange nicht mehr von ihr betreten worden. Auch hier hatte die Angst ganze Arbeit bei ihr geleistet.

Dabei war die alte Räucherkammer der Hauptgrund gewesen, warum sie das Anwesen damals überhaupt gekauft hatte. Die Werkstatt war ihr Rückzugsort. Hier war sie frei und konnte das tun, was sie so sehr liebte. Einfach eins sein mit den Materialien, die ihr die Natur schenkte und aus denen sie – mit ein wenig industrieller Unterstützung – die schönsten Formen erzeugen konnte. Glas in seiner reinsten und puristischsten Schönheit.

Doch der Anruf ihres Bruders vor einem Jahr hatte alles verändert. Es war ein Dienstag im Mai gewesen, daran erinnerte sie sich auch heute noch ganz genau, und ihr Bruder hatte damals aufgeregt geklungen und nervös.

Eine lautes Geräusch riss sie aus ihren Erinnerungen und ließ sie zusammenfahren. Aufbrausende Windböen von der Ostsee fegten über ihr Anwesen hinweg und spielten wie kleine Kinder ausgelassen und schreiend Fangen.

Noch ist es nicht zu spät, dachte sie und erhob sich langsam von ihrem Stuhl, der krächzend über die ausgetretenen Küchenfliesen rutschte. Sie musste ihren Bruder erreichen. Unbedingt! Er war der Einzige, der noch alles aufhalten konnte.

Schwerfällig tappte sie von der Küche in den kleinen Flur hinüber, in dem auf einer schmalen Anrichte mit integrierter Bank ihr Telefon stand. Sie wollte gerade den Hörer von der Gabel nehmen und seine Nummer wählen, als ihr Blick auf die Post fiel, die sie vom kleinen Amt in Gudhjem mitgebracht hatte. Zwischen den Rechnungen, der ganzen Werbung und den Katalogen von Einrichtungshäusern war ein braunes, etwas dickeres Kuvert herausgerutscht.

Mit zittrigen Händen zog sie den Umschlag hervor. Als sie links oben las, wer der Absender war, wusste sie genau, was sich in diesem Kuvert befand. Am liebsten hätte sie das kleine Päckchen fallen gelassen und wäre schnell davongelaufen. Doch es hätte nichts genützt.

Langsam fuhr sie mit dem Zeigefinger die Umrisse des Inhalts ab. Das Kuvert und vor allem sein Inhalt waren der finale und unauslöschbare Beweis, dass sie damals eine falsche Entscheidung getroffen hatte. Zum zweiten Mal in ihrem Leben.

Und beim ersten Mal hatte dafür jemand mit seinem Leben bezahlt.

© Mit freundlicher Genehmigung der CW Niemeyer Buchverlage GmbH Hameln