Bornholm taucht in der Literatur in zwei sehr unterschiedlichen Rollen auf: als Heimat eines Klassikers der dänischen Weltliteratur und als beliebte Bühne für Nordic Noir. Wer mit einem Roman im Gepäck anreist, kann viele Schauplätze selbst ansteuern – das einzige dezidierte Literaturmuseum der Insel, das Geburtshaus eines Dichters, die frei begehbaren Drehorte einer ZDF-Verfilmung. Dieser Überblick ordnet ein, was belegt ist, und nennt das, was sich vor Ort wirklich besuchen lässt.
Martin Andersen Nexø – Bornholms Stimme in der Weltliteratur
Der bekannteste Schriftsteller, der mit Bornholm verbunden ist, ist Martin Andersen Nexø (1869–1954). In Kopenhagen geboren, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit in der Hafenstadt Nexø im Südosten der Insel und übernahm deren Namen später als Künstlernamen. Sein international bekanntestes Werk ist der mehrbändige Entwicklungsroman „Pelle der Eroberer“ über das harte Leben armer Einwanderer auf einem Bornholmer Gutshof. Daneben stehen seine „Bornholmer Novellen“, die Fischer, Bauern und Tagelöhner der Insel im 19. Jahrhundert in den Mittelpunkt rücken.
„Pelle der Eroberer“ erlangte 1987 durch die Verfilmung von Bille August mit Max von Sydow Weltgeltung. Der auf Bornholm spielende Film wurde reich ausgezeichnet: Er gewann im Mai 1988 die Goldene Palme in Cannes und kurz darauf den Oscar als bester fremdsprachiger Film für den Jahrgang 1988 – die Oscar-Zeremonie fand allerdings erst am 29. März 1989 statt, weshalb beide Preise oft fälschlich demselben Kalenderjahr zugeordnet werden. Hinzu kam ein Golden Globe Anfang 1989.
Das Martin Andersen Nexø Museum in Nexø
Wer Nexø nachgehen will, besucht sein Kindheitsdomizil in der Ferskesøstræde 36 in Nexø, in dem er um 1882 bis 1884 wohnte. Das Haus blieb erhalten, wurde 1983 gesichert und ist seit dem Sommer 1990 ein Museum, das vom Verein Martin Andersen Nexø / Nexø Museum betrieben wird. Gezeigt werden Porträtgemälde und Fotos zu Leben und Werk, Aufnahmen aus den Verfilmungen, persönliche Gegenstände sowie Mobiliar aus der Zeit zwischen 1880 und 1900 – das Haus vermittelt damit weniger eine Schatzkammer von Originalen als ein Bild der Lebensumstände, aus denen Nexøs Bücher stammen.
- Saison 2026 – 2. Mai bis 17. Oktober, täglich 13:00 bis 16:00 Uhr; außerhalb der Saison nach Vereinbarung.
- Adresse – Ferskesøstræde 36, 3730 Nexø.
- Kontakt – [email protected], +45 5649 4542. Den Eintritt zahlt man vor Ort.
Nexø selbst ist als Ort übrigens auch unabhängig von der Literatur ein Ziel; einen Überblick über die Inselstädte gibt der Guide Städte und Orte auf Bornholm.
Nordic Noir – Bornholm als Krimi-Schauplatz
Bornholm ist ein dichter Schauplatz des skandinavischen Kriminalromans. Destination Bornholm führt eigens eine Nordic-Noir-Übersicht mit frei besuchbaren Tatorten – darunter der Granitsteinbruch bei Vang, die Schlucht Ekkodalen und die St. Nicolai Kirche in Rønne.
- Jussi Adler-Olsen schickt sein Sonderdezernat Q nach Bornholm. „Verheißung – Der Grenzenlose“ ist auf Deutsch der sechste Fall um Carl Mørck (dtv) und verhandelt den Fall der 1997 verschwundenen Alberte Goldschmid. Der Band ist als Buch, eBook und Hörbuch erhältlich.
- Sara Blædel verlegte „Pigen under træet“ (deutsch „Das Mädchen unter dem Baum“) auf die Insel; die dänische Erstausgabe erschien am 15. November 2019 bei Politikens Forlag. Ermittlerin Louise Rick untersucht den Fund eines 1995 auf einer Schulreise verschwundenen Mädchens im Ekkodalen. Der Roman gewann 2020 den Marthaprisen, einen dänischen Leserpreis für Kriminalliteratur.
- Pernille Boelskov lebt auf Bornholm und schreibt eine Inselreihe um Agnethe Bohn. Auf Deutsch liegen drei Bände vor: „Das Granitgrab“ (2016), „Tiefe See“ (um 2018/2019) und „Dunkle Kluft“ (2020).
- Katrine Engberg steuert mit „Isola“ (2020) einen weiteren Bornholm-Stoff zur Nordic-Noir-Liste bei.
Deutsche Bornholm-Krimis
Auch deutsche Autorinnen und Autoren haben die Insel für Serienkrimis entdeckt – mit eigenen Reihen, die teils über Jahre laufen.
- Michael Kobr, durch die Kluftinger-Krimis bekannt, ermittelt solo mit Kommissar Lennart Ipsen. Erschienen sind „Sonne über Gudhjem“ (2023), „Nebel über Rønne“ (April 2024) und „Schatten über Sømarken“ (14. Mai 2025). Ein vierter Band, „Sturm über Christiansø“, ist angekündigt, lag Anfang 2026 aber noch nicht vor.
- Katharina Peters (Pseudonym von Manuela Kuck) schreibt die Reihe „Sarah Pirohl ermittelt“ bei Aufbau. Sie umfasst „Bornholmer Schatten“ (2020), „Bornholmer Falle“ (2021), „Bornholmer Flucht“ (2022), „Bornholmer Finale“ (2023), „Bornholmer Geheimnis“ (2024) und „Bornholmer Spur“ (2026) – sechs Bände, alle auf Deutsch.
- Jörg Böhm lässt seit „Und süß wird meine Rache sein“ (März 2017) die gebürtige Bornholmerin Emma Hansen auf ihrer Heimatinsel ermitteln – Teil einer etablierten Reihe um die Figur.
Die in den Büchern genannten Schauplätze wie der Steinbruch bei Vang, das Ekkodalen oder die kleine Felseninsel Christiansø lassen sich allesamt selbst ansteuern. Organisierte, buchbare Krimi- oder Literaturtouren sind für Bornholm dagegen nicht belegt; man ist auf eigene Faust unterwegs.
Die „Schweigeminute“ und ihre Drehorte
Die Verfilmung von Siegfried Lenz’ Novelle „Schweigeminute“ entstand zu großen Teilen auf Bornholm. Anders als oft angegeben lief das ZDF-Drama nicht 2015: Gedreht wurde vom 2. September bis 5. Oktober 2015 in Berlin und auf Bornholm, die Premiere folgte am 25. Juni 2016 beim Filmfest München, die ZDF-Erstausstrahlung am 31. Oktober 2016. Regie führte Thorsten M. Schmidt, die Hauptrollen spielten Julia Koschitz und Jonas Nay.
Die Drehorte sind dokumentiert und frei zugänglich. Der fiktive „Hirtshafen“ ist der Hafen von Sandvig an der Nordspitze. Weitere Schauplätze:
- Teglkås und Helligpeder – kleine Fischerhäfen an der Westküste.
- Gudhjem – rund um den Bokulhus-Weg.
- Rønne – in der Skt. Mortensgade.
- Dueodde – Leuchtturm und Strand im Süden.
- Jons Kapel – die schroffe Felsküste bei Vang.
Wer mehrere dieser Orte verbinden will, findet sie im Guide Sehenswürdigkeiten auf Bornholm wieder.
Ältere Spuren – Holger Drachmann
Schon im 19. Jahrhundert zog die Insel Künstler an. Der dänische Dichter und Marinemaler Holger Drachmann (1846–1908) hielt sich als Seemaler wiederholt auf Bornholm auf, mit jährlichen Aufenthalten etwa zwischen 1865 und 1874. Sein literarisches Debüt gab er 1872 mit dem Gedichtband „Digte“ und dem Prosaband „Med kul og kridt“. Auf Bornholm entstanden vor allem Bilder; zudem dekorierte er bei der Keramikfabrik L. Hjorth in Rønne Keramik mit Marinemotiven. Ein einzelnes, ausdrücklich auf Bornholm verortetes Werk lässt sich ihm nicht zuschreiben – die Insel war für ihn vor allem Inspirations- und Malort.
Buchtipps für den Bornholm-Urlaub
- Klassiker – Martin Andersen Nexø, „Pelle der Eroberer“ und die „Bornholmer Novellen“.
- Dänisches Nordic Noir – Jussi Adler-Olsen, „Verheißung – Der Grenzenlose“; Sara Blædel, „Das Mädchen unter dem Baum“; Pernille Boelskov, „Das Granitgrab“.
- Deutsche Bornholm-Krimis – Michael Kobr, „Sonne über Gudhjem“; Katharina Peters, „Bornholmer Schatten“; Jörg Böhm, „Und süß wird meine Rache sein“.
- Verfilmte Literatur – Siegfried Lenz, „Schweigeminute“ (Drehorte siehe oben); Martin Andersen Nexø, „Pelle der Eroberer“ (Oscar-prämierte Verfilmung).
Viele dieser Bücher spielen an realen, frei zugänglichen Orten – der Steinbruch bei Vang, das Ekkodalen, die Häfen von Sandvig und Gudhjem. So lässt sich die Lektüre direkt mit einem Tagesausflug verbinden.